Aktuell

17. April 2015 - von Bernhard Clemm

Mull gegen Pep

Der Bayern-Doc nimmt den Hut

Fakten

  • Der langjährige Mannschaftsarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt und sein Stab erklärten am Donnerstag Abend den Rücktritt von ihrer Tätigkeit für den FC Bayern.
  • In einer schriftlichen Erklärung wurde als Grund genannt, dass nach dem Champions-League-Spiel gegen den FC Porto die medizinische Abteilung für die Niederlage hauptverantwortlich gemacht worden sei. In der Vergangenheit waren Trainer Guardiola und der Mannschaftsarzt bereits über die Behandlung der Spieler aneinander geraten.
  • Coach Guardiola äußerte sich auf der Spieltags-Pressekonferenz am Freitag Mittag nur kurz zum Thema: Er habe “großen Respekt vor Müller-Wohlfahrt”.

“Pep duldet keine Götter neben sich”, analysiert Tobias Altschäffel in der “Sport Bild”. Nun dringe zum ersten Mal nach außen, wie angespannt deswegen das Innenverhältnis an der Säbener Straße ist. Dass Müller-Wohlfahrt die Niederlage in Portugal zu verantworten habe, habe sich die Arzt-Ikone nicht bieten lassen können. Möglicherweise seien die Ärzte nicht die einzige Abteilung, die von Guardiolas Dominanz betroffen seien. Scheitere er an Porto und möglicherweise im Pokal gegen Dortmund, könne sich noch mehr interner Widerstand regen.

“Tatsächlich könnte der Rücktritt bei Deutschlands Top-Verein ein kleines Beben auslösen”, meint Markus Decker in der “Frankfurter Rundschau”. Vordergründig deute manches auf einen Streit um Eitelkeiten hin. In Wahrheit aber stehe es um den FC Bayern nicht so gut, wie es scheinen möge. Tragende Säulen wie Ribery und Robben, aber auch Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger wiederum näherten sich dem fußballerischen Rentenalter, Ersatz sei noch nicht in Sicht. Ohne positive Perspektive werde man den ehrgeizigen Guardiola nicht lange in München halten können.

“Müller-Wohlfahrts Rückzug trifft die Bayern schwer”, urteilt Julien Wolff von der “Welt”. Dass der Mannschaftsarzt von seiner Tätigkeit beim FC Bayern zurückgetreten ist, treffe den Klub hart. Zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt, nämlich in der wichtigsten Phase der Saison. Zwar sei Guardiola von einer Entlassung weit entfernt. Sollte er aber tatsächlich für den Rückzug des Docs verantwortlich sein, hätte er seinem Klub einen Bärendienst erwiese, und würde seine Kritiker bestätigen.

“Der FC Bayern München behält Pep Guardiola, verliert dafür ein Urgestein in der Vereinsgeschichte”, schreibt Matthias Kernstock für die “Mopo24″. Müller-Wohlfahrt sei bei allen Spielern beliebt gewesen, Bastian Schweinsteiger habe ihm einst sogar “magische Hände” attestiert. Seit 1977 habe der Mannschaftsarzt als Vorbild und Ansprechpartner, maßgeblich zur Erfolgsgeschichte des FC Bayern beigetragen. Die Alleingänge von Guardiola hätten an seiner Ehre als Mediziner gekratzt. Dies sei ein Abgang, den Müller-Wohlfahrt nach Meinung vieler Fans nicht verdient habe.

“Ein solcher Abtritt nach fast 40 Jahren ist unwürdig und wird weiter für Diskussionen sorgen”, schreibt die Redaktion des “Stern”. Der plötzliche Abschied von Müller-Wohlfahrt treffe den FC Bayern hart. Dem Club fehle mitten im wichtigen Saisonfinale das gesamte medizinsche Personal, die langfristigen Folgen könnten schwer wiegen. Außerdem sei davon auszugehen, dass Davon ist auszugehen, vor allem die Nationalspieler Schweinsteiger und Co. sich auch weiterhin von Müller-Wohlfahrt betreuen lassen. Das berge Konflikte mit einem möglichen Nachfolger.

“Die Eskalation um den Bayern-Doc ist reichlich albern”, findet Tobias Nordmann von “ntv”. Die offene Kritik von Guardiola gegenüber Müller-Wohlfahrt sei sicher kein guter Umgang. Aber sie sei auch ganz sicher kein Grund, sich nach so langer Zeit vom Hof zu machen, ohne es dem Klub persönlich mitzuteilen. Der FC Bayern München könne diese offene Auseinandersetzung derzeit so wenig gebrauchen “wie die Insel Sylt einen Bergführer”. Dem Verein drohe wegen derartig pubertärer Sinnlosigkeit ein böses Erwachen – ganz schön überflüssig sei das.