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24. Februar 2015 - von Bernhard Clemm

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Die WM 2022 in Katar soll im November und Dezember stattfinden

Fakten

  • Nach Empfehlung der FIFA-Spielkalenderkommission soll die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in Katar im November und Dezember stattfinden. Eine endgültige Entscheidung fällt das FIFA-Exekutivkomitee im März.
  • Der Vorschlag wird unterstützt von den sechs Kontinentalverbänden, dürfte aber auf den Widerstand besonders der europäischen Nationalverbände stoßen.
  • Die Vergabe der WM in Katar war zuvor wegen Korruptionsvorwürfen und den Arbeitsbedinungen auf den WM-Baustellen in die Kritik geraten.

“Das geringste Übel, auf das man sich einigen konnte”, findet Andreas Sten-Ziemons von der “Deutschen Welle”. Im Grunde sei gar kein anderer Termin möglich gewesen als der im November und Dezember 2022. Im Sommer könne man wegen der Hitze nicht spielen, im Januar und Februar wegen der Winter-Olympiade, im Mai wegen dem kurz zuvor stattfindenden Ramadan. Viele Fragen seien aber weiterhin ungeklärt, etwa ob die Winterpause in den Ligen vorgezogen würden, und in welchem Zustand die WM-Helden der Top-Vereine dann zurückkämen.

“Jetzt hat die Vernunft gesiegt”, kommentiert Michael Jonas von der “Neuen Osnabrücker Zeitung”, und fragt sich, warum die FIFA nicht gleich auf die Vorschläge zur Verlegung eingegangen sei. Doch ganz so einfach sei auch die neue Terminierung nicht, vor allem für die Vereine. Abgesehen davon sei die Verlegung eine Sache, eine andere die Menschenrechte. Die Ausrichtung einer WM sei es nicht wert, Leben aufs Spiel zu setzen, und so sei es auch Aufgabe der FIFA, den Gastgebern ins Gewissen zu reden.

“Kalender wurden schon häufiger umgestellt, der julianische auf den gregorianischen 1582, die Winter- auf die Sommerzeit, das Jahr des Bären auf das Jahr der Ziege”, schreibt Christoph Rybarczyk im “Hamburger Abendblatt”. Man könne jetzt das große Wehklagen über Ort und Zeitpunkt der WM anstimmen – oder aber Katar 2022 als Abenteuer begreifen. Das Organisatorische werde die Bundesliga schon schaukeln. Auch über das Geschacher bei der FIFA solle man jetzt nicht jammern. Die WM werde mehr für die Völkerverständigung tun als zigtausend Freitagsgebete oder Sonntagsreden.

“Die Lösung ist nicht mehr als ein Lavieren zwischen unumkehrbaren Zwängen”, klagt Michael Asheim in der “Frankfurter Allgemeinen”. Als gemeinsamer Nenner sei zwar nur der November und der Dezember 2022 übriggeblieben. Aber der Termin bedeute eine extreme Bleastungsprobe für die Ligen. Und wer wolle hierzulande schon im nasskalten Herbst unter freiem Himmel WM-Partys feiern? Aber der Kompromiss sei unausweichlich gewesen, auch deshalb, weil den Qatarern die WM nicht so einfach wieder weggenommen werden kann. Dafür fehle bislang trotz aller Korruptionsvorwürfe die rechtliche Grundlage.

“Die Verlegung des Turniers in Katar 2022 ist der nächste Schritt in einer gigantischen Farce”, urteilt Christian Teevs hier auf SPIEGEL ONLINE. Die Zustimmung der FIFA-Funktionäre zu dem Vorschlag gelte zwar als sicher, doch stehe dem Verband noch ein mächtiger Gegner im Weg, nämlich die europäischen Klubs. Und das zu Recht: Es gebe keinen Grund, dass die Vereine für die Fehlentscheidung der WM-Vergabe zahlen sollten. Dass diese Fehlentscheidung entgültig sei, werde durch die Terminverlegung sehr wahrscheinlich.

“Whether in June or November, Qatar’s World Cup is about death and money”, so der Kommentar von Simon Jenkins im “Guardian”. Zu realisieren, dass es im November kälter als im Juni sei, habe die FIFA anscheinend fünf Jahre gekostet. Zwischenzeitlich seien dutzende Arbeiter unter abscheulichen Bedingungen beim Bau der Paläste im Sand gestorben. Nicht weniger skandalös sei das Appeasement der nationalen europäischen Fußbalverbände. Für all das gebe es eine simple Lösung: Die Verbände sollten aus der FIFA austreten und eine alternative WM ins Leben rufen. Doch dazu fehle ihnen der Mut.