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31. März 2015 - von Bernhard Clemm

Schluss mit Schweigen?

Deutschland diskutiert die Konsequenzen aus der Germanwings-Katastrophe

Fakten

  • Bei dem Absturz des Germanwings-Fluges 4U 9525 vergangene Woche kamen alle 150 Insassen ums Leben. Das Unglück wurde wohl absichtlich vom Kopiloten herbeigeführt, der offenbar in der Vergangenheit mit psychologischen Problem zu kämpfen hatte und am Unglückstag krankgeschrieben war.
  • Laut § 203 Strafgesetzbuch macht sich ein Arzt strafbar, wenn unbefugt medizinischen und persönlichen Informationen von einem Patienten weitergibt. Allerdings muss er der Polizei mitteilen, wenn er weiß, dass jemand schwerste Verbrechen plant, etwa weil ein Patient ihm dies bei der Behandlung angekündigt hat.
  • Bei der Lufthansa werden Lufthansa-Piloten auf die psychologische Eignung nur bei ihrer Einstellung getestet. Danach nur, wenn etwaiges auffälliges Verhalten von Kollegen gemeldet wird, wozu jeder Pilot verpflichtet ist.

“Ein kranker Pilot gehört nicht ins Cockpit, ein kranker Lokführer nicht in die Lok, ein kranker Busfahrer nicht hinters Steuer”, betont Rolf Kleine von der “Bild”. Natürlich sei die ärztliche Schweigepflicht ist ein hohes Gut. Aber wenn womöglich Hunderte Menschenleben gefährdet sind, dann gelte ein Notfall, und die Schweigepflicht müsse zwingend zurückstehen. Jetzt müsse der Gesetzgeber überprüfen, ob ein Mensch, bei dem einmal Suizidalität diagnostiziert wurde, Pilot werden dürfe.

“Ärztliche Schweigepflicht muss streng bleiben”, betitelt Werner Bartens seinen Kommentar auf “süddeutsche.de”. Doch mit der Aufweichung der Schweigepflicht ließe sich kein Unglück verhindern, denn wüssten all die Piloten, Lokführer und Busfahrer, dass sie ich nicht mehr auf die Schweigepflicht verlassen können, würden sie nicht mehr zu ihm gehen. Außerdem sei es trotz aller Erkenntnisse der Psychiatrie immer noch unmöglich vorherzusagen, welcher psychisch Kranke gefährlich für seine Mitmenschen wird.

“Auch wenn unsere mobile Gesellschaft jetzt meint, vor einem solchen Unglück müsse sie doch bewahrt werden können: Ein Restrisiko bleibt immer”, kommentiert Petra Wettlaufer-Pohl in der “HNA”. Man müsse jedoch genau abwägen, welche Auswirkungen eine gesetzliche Änderung der ärztlichen Schweigepflicht hätte. Es sei nicht einfach zu definieren, was sensible Berufe seien, und man müsse sich fragen, ob Menschen noch zum Arzt gehen würden, wenn sie anschließend um ihren Arbeitsplatz bangen müssen.

“Regelmäßige Psychotests für Piloten bringen wenig”, ist Christian Rath von der “Badischen Zeitung” überzeugt. Zum einen könne eine psychische Krankheit in einer Testsituation überzeugend verschleiert werden, außerdem könne sich ein psychisches Problem kurzfristig zuspitzen, weshalb jährliche Tests ohnehin nicht geeignet wären. Man könne den Schutz des Arztgeheimnisses natürlich lockern und verlangen, dass Ärzte jede psychische Krankheit eines Piloten melden müssen. Dann aber riskiere man, dass psychisch angeschlagene Piloten gar nicht mehr zum Arzt gehen und nicht einmal Hilfe suchen.

“Natürlich kann die ärztliche Schweigepflicht nicht infrage gestellt werden”, betont Ins Pohl auf “taz.de”. Vielleicht werde man aber feststellen, dass beim Pilotenberuf bisher zu viel Wert auf die körperliche Fitness gelegt wurde und psychischen Anforderungen. Eventuell müsse man regelmäßige Begegnungen mit Psychologen einplanen, die merken, wenn ein Mensch in eine emotionale Krise steuert. Niemand könne etwas für seine psychische Erkrankung, trage aber die Verantwortung für den Umgang mit ihr, das müsse man Piloten regelmäßig deutlich machen.

“Nach Katastrophen gibt es sinnvolle Veränderungsvorschläge und weniger sinnvolle”, schreibt die “Allgemeine Zeitung Mainz”. Zu letzterer Kategorie gehöre die Debatte über eine Aufhebung der ärztlichen Schweigepflicht. Bei Lichte besehen dürfe ein Arzt schon jetzt Alarm schlagen, wenn er Menschenleben bedroht sieht. Insofern sei die Debatte eine Scheindiskussion. Würde man der Forderung nachgeben, würden sich öfter Ärzte zur Denunzierung gedrängt und Patienten zum Tricksen motiviert sehen.