Aktuell

6. Juli 2015 - von Christina Scholten

Selbst Schuld?

Ist das "Nein" der Griechen das Werk von Tsipras & Co. oder sind die Gläubiger Schuld?

Fakten

  • In einem Referendum zu den geforderten Sparmaßnahmen seitens der Gläubiger haben gestern 61% der Griechen mit einem „Nein“ gestimmt
  • Zuvor hatte die Regierung unter Tsipras dafür geworben, mit einem „Nein“ zu stimmen
  • Die EU muss sich nun in anstehenden Gesprächen entscheiden, welche Konsequenzen das Votum für ihre Verhandlungsposition hat

 

„In Wahrheit hilft nur der Grexit“, meint Oliver Stock vom „Handelsblatt“. Die Griechen hätten nicht das Recht, die Auflagen für die Unterstützung zu bestimmen. Ihr Steuersystem kranke, das geliehene Geld würde einfach versickern. Deswegen dürften keine neuen Hilfen geleistet werden, die EU müsse nun hart bleiben – auch, um den „Euro“ als harte Währung zu erhalten.

„Grexit – und zwar sofort“, fordert Paul Ronzheimer für „bild.de“. Verhandlungen mit einer Regierung, die die Gläubiger als „Terroristen“ bezeichnen würden, seien uanangebracht. Die Griechen hätten den Austritt aus der Währungsunion selbst gewählt. Es müsse nun den Bürgern Griechenlands geholfen werden, aber nicht mehr der Regierung.
„Die Folgen der rigorosen Sparpolitik haben Griechenland in die schwerste Rezession seit Ende des Zweiten Weltkriegs gestürzt“, kommentiert Zacharias Zacharakis auf „Zeit Online“. Dies, der Druck seitens der Gläubiger und die widrigen Bedingungen seien es gewesen, die das „Nein“ der Griechen befeuert hätten. Die Eurozone müsse den Griechen nun mit verbesserten Bedingungen entgegen kommen, andernfalls riskiere sie den Grexit und dessen Konsequenzen für das Land.

„Die EU muss nun den Schaden minimieren, den die Regierung Tsipras angerichtet hat“, erklärt Stefan Ulrich von der „süddeutschen.de“. Doch dies solle sich in Nothilfen ausdrücken, nicht in neuen Rettungsprogrammen, da diese an Bedingungen geknüpft seien. Die griechische Regierung habe sich jedoch mit ihrer aggressiven Vorgehensweise den Verhandlungsspielraum selbst genommen.

„Die selbsternannten europäischen Technokraten sind wie mittelalterliche Doktoren, die darauf bestanden, ihre Patienten ausbluten zu lassen“, schreibt Paul Krugman von der „New York Times“. Und wenn diese Behandlung fehlgeschlagen sei, hätten sie sie noch mehr bluten lassen. Ein „Ja“ in Griechenland hätte das Land noch mehr leiden lassen. Der griechische Austritt aus dem Euro sei deswegen eventuell die beste Wahl. Das würde nicht bedeuten, dass die Griechen schlechte Europäer seien, sondern dass die Währung kein Platz für Problem-Länder lasse.

„Die beste Option ist ein Schuldenschnitt“, meint John Quiggin für den „Guardian“. Dies sei die beste und sicherste Entscheidung. Denn mit einem Austritt Griechenlands aus der Eurozone sei nicht nur die europäische Idee in Gefahr, sondern auch eine Finanzkrise sei nicht auszuschließen. Ein Schuldenschnitt würde die EU weniger kosten als die Entscheidung dagegen, nicht zuletzt weil die Glaubwürdigkeit des Euros ebenfalls auf dem Spiel stehe.