Aktuell

11. März 2013 - von Pia Frey

Adios Comandante

Nachrufe zu Staatschef Hugo Chávez und die Zukunft Venezuelas

Fakten

Hugo Chávez, seit 1999 Staatspräsident Venezuelas, starb vergangenen Dienstag 58-jährig an Krebs. 14 Jahre lang regierte er das Land, das über die größten Ölreserven der Welt verfügt. Chávez, Kopf der sozialistischen Partei PSUV, war erst im vergangenen Dezember wiedergewählt worden. Die Regierungsgeschäfte übernimmt zunächst Chávez Stellvertreter und Wunschnachfolger Nicolas Maduro. Innerhalb der nächsten 30 Tage sollen Neuwahlen stattfinden. Der „Commandante“ wurde am Freitag in Caracas beigesetzt.

DER MEINUNGSKOMPASS

VENEZUELA OHNE CHAVEZ

Kompass Chavez

© Pressekompass 2013

DER SCHLAGABTAUSCH

Chávez: verdammt und verehrt

slateDas Slate Magazine bilanziert: Chávez hat Venezuela ins Chaos gestürzt. Trotz seiner riesigen Ölressourcen hat das Land nach 14 Jahren Chávez-Amtszeit eine der höchsten Inflationsraten der Welt, rasant wachsende Schulden, eine verfallende Infrastruktur und ein unkontrolliert grassierendes Gewaltproblem. Der Chavismus ist gescheitert. Verantwortung trägt der Kopf der Bewegung: Hugo Chávez. Aber das sah die verblendete und Demokratie-unerfahrene Bevölkerung nicht und wählte den Autokraten wieder und wieder. So verfestigten sich Populismus, Militarismus, Nationalismus, Anti-Amerikanismus, Klassenkampf, Fremdenhass und Korruption im Land. Nun steht Venezuela am Ruin. Mit dem schwachen Mann Maduro an der Spitze ist der aufgebrachte Staat jetzt der politischen Willkür machthungriger Hintermänner ausgeliefert.

fairDiese Rhetorik, mit der die amerikanische Presse Wind gegen Hugo Chávez macht, findet das medienkritische Magazin Fair grenzenlos überhitzt, rücksichtslos und einseitig. Wer erwähnt, dass Chávez die Armutsrate im Land halbiert, das Gesundheits- und Schulsystem bedeutend verbessert und viele demokratische Institutionen etabliert hat? All diese Fakten ignoriert das umsatzgetriebene Amerika aus Ärger darüber, nicht aus den Ölressourcen Venezuelas Profit zu schlagen.

zeitKritik am “Commandante” äußert aber auch die deutsche Presse. Die Zeit: Der Propagandaexperte Chávez hinterlässt ein marodes Land. Allein der Macht- und Medienapparat sind unter Kontrolle. Ansonsten: eine erlahmte Ölindustrie, ausufernde Sozialprogramme, hohe Kriminalität. Wirklich gut geht es trotz Chávez’ vor sich hergetragenem Engagement für die Bedürftigen nur denen, die mit den Mächtigen kuscheln. Unwahrscheinlich, dass Interimspräsident Maduro das Ruder rumreißen kann. Anlass zur Hoffnung bietet allein die Chance, dass Maduro es jetzt schafft, „gestützt auf den Ölreichtum seines Landes“ die internationalen Beziehungen zu verbessern.

newyorkerDer New Yorker, dessen Autor sich oft mit Chávez über dessen sozialistischen Ideale und seinen wachsenden Anti-Amerikanismus unterhalten hatte, bilanziert ausgewogen. Der Präsident formte das Land im geistigen Erbe des Unabhängigkeitskämpfers Simon Bolivar und gab sich dieser Lebensaufgabe ganz hin – manchmal in manischer Inbrunst, immer polarisierend. Chávez hinterlässt eine Bevölkerung, die unter dem Verlust ihres Anführers taumeln wird. Die Bolivarische Revolution bleibt unvollendet.

 

Unsicherheit über Venezuelas Zukunft

wallstreetjournalJa, dem Land steht eine schwierige und gewalttätige Umbruchsphase bevor – und zwar deshalb, weil Chávez es wie kein anderer schaffte, Lateinamerika zu einen, prognostiziert das Wall Street Journal bereits, als der Staatsmann noch sehr lebendig war. Für die lateinamerikanische Stabilität ist ein Venezuela ohne Chávez fatal. Venezuelas Nachbarn, vor allem Kuba, profitierten von den riesigen Erdöllieferungen des Landes. Ersatzmann Maduro wird die Massen kaum begeistern können. Die Chancen des Oppositionsführers Capriles stehen also gut. Doch wer auch immer das Land führen wird: Der venezolanischen Wirtschaft wird es schlecht gehen.

handelsblattDen wirtschaftlichen Aufschwung unter Chávez hat das Land aber schlicht seinem Öl-Reichtum und den ansteigenden Handelspreisen zu verdanken – nicht der Führung des Commandante, argumentiert das Handelsblatt. Weiterhin ansteigende Ölpreise werden auch nun dem Chávez-Nachfolger in die Hände spielen. Das wird das Bilanzdefizit reduzieren. Trotzdem wird die Inflation weiter steigen, möglicherweise auf bis zu 35 Prozent bis Jahresende. Die Wirtschaft Venezuelas droht trotz Ressourcenreichtum „führerlos auf eine Krise zuzusteuern.“

tazDie TAZ wiegelt ab: Obwohl seine Rhetorik und Stil, sein Umgang mit Opposition und Presse immer ein Geschmäckle hatten, war Chávez ein Macher und Motor, der 14 Jahre lang den Linksruck im Land und „demokratische Prozesse“ antrieb. Welche Früchte das tragen wird? Unklar und abhängig von der vagen zukünftigen Regierung des Landes. Chávez’ Wunschnachfolger Maduro ist die Mehrheit keineswegs sicher. Doch die Opposition tut sich allzu schwer damit, sich zu organisieren. Wer immer Nachfolger sein wird – er wird es nicht leicht haben, denn die venezolanische Wirtschaft ist auf einem Tiefpunkt. Hugo Chávez unterm Strich: „Seine Politik und sein Stil waren mal großartig, mal ogottogott.“