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3. October 2013 - von Pia Frey

Auf der Lauer, kauf die Mauer!

Der Streit um die Berliner East-Side-Gallery

Fakten

DER MEINUNGSKOMPASS

East-Side-Gallery

DIE FAKTEN

  • Die East Side Gallery in Berlin Friedrichshain ist das längste erhaltene Mauerstück und wurde 1991 unter Denkmalschutz gestellt.
  • Seit März dieses Jahres finden heftige Proteste um und an der Open Air Galerie statt, um diese vor einem Teilabriss durch einen Immobilieninvestor zu bewahren. Künstler und Prominente wie David Hasselhoff und Roger Waters unterstützen den Protest.
  • Für den Bau eines Turms zwischen Spree und Grenzzone erwarb dieser von der Stadt ein Grundstück und hob für einen Zugang zu diesem Teile der Mauer aus.
  • Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD) kündigte weitere Verhandlungen im Blick auf die umstrittenen Bauzugänge an: „es gebe keinen neuen Stand“.

Brauchen wir die Mauer zum Erinnern?

BZThomas Rogalla von der Berliner Zeitung hält den Fakt, dass die einstige Todeszone nun zur Riesen-Reklame mutiere für „eine Schande“.„Würde Francois Hollande den Eiffelturm quietschrot anpinseln, wenn ein Sponsor Kohle für das defizitäre Frankreich lockermacht? Undenkbar.“ Dass man jedoch den weltweit bekanntesten Bau im Sinne von ein paar Luxuswohnungen zertrümmere, sei hingegen überhaupt kein Problem.

Welt„Es ist nicht Geschichte, was sich hier verkörpert, sondern ein seltsamer Disney-History-Channel!“ Andrea Hannah Hünniger ruft auf Welt Online zum Abriss auf. Das „hässliche Stück Stein“ habe rein gar nichts mit dem Erhalt einer erinnerungswürdigen Vergangenheit zu tun. Im Gegenteil – es provoziere ahnungslose Aktivisten, ein Sichthindernis auf die Spree zu einem Verbrechen zu stilisieren und die stalinistische Lüge zur Lüge der eigenen Betroffenheit mutieren zu lassen. Tear down the wall!

tazDas wäre 1980 vielleicht großartig gewesen, so Klaus Hillenbrand auf taz.de, doch nicht heute. Aber „typisch Berlin eben: Wenn die Stadt schon keinen Flughafen errichten kann, dann gelingt ihr doch wenigstens die Zerstörung der eigenen Geschichte.“ Als unverzichtbares Stück Zeitgeschichte sei dies ein barbarisches Vorgehen, das an Ignoranz kaum zu überbieten wäre. Zum Glück stehe die Frauenkirche in Dresden, sonst käme die auch bald in den Müll. Berlin, Du bist so wunderbar.. käuflich.

backviewEine Stadt müsse leben, fordert Marcel Stübner auf backview.eu. „Die East Side Gallery selbst rechtfertigt weder historisch noch künstlerisch ihr unbedingtes Weiterleben an genau diesem Ort.“ Mit ein bisschen konstruktiver Mitarbeit und weniger Protest könne man aus einer Urinale für Touristen womöglich eine sinnvolle Verwendung für diesen Ort schaffen, daher: Ja zur Entwicklung unserer Heimat!

Sind Politiker Schuld an der Eskalation?

FRFür einfach lächerlich befinden es die Autorinnen der Frankfurter Rundschau, Laura Miess und Sabine Rennefanz „dass erst Tausende Menschen an der Mauer protestieren mussten, ehe sich der Regierende Bürgermeister Wowereit überhaupt einschaltete.“ Und doch, während der einstige Knight Rider sich für den Erhalt der Mauer einsetze, verhandelten Berlins Politiker ergebnislos und während die Bagger einrollten, schliefen die Aktivisten noch. Ein peinliches Schauspiel für wirklich alle Beteiligten!

tagesspiegelIn der Tat – „an der East Side Gallery zeigt sich die ganze organisierte Berliner Murksigkeit“, schämt sich Tagesspiegel-Autor Robert Ide für eine Hauptstadt, die selbst bei einem Abriss nichts gerissen bekomme. Weder unsensible Luxusinvestoren, noch eine regierungsunfähige Regierung, noch einstweilige Rettungsschwimmer – am gemeinsamen Holzweg aus Beton würden wirklich alle mitschleifen.

Berliner Morgenpost„Ganz gleich, wie diese Farce endet – sie wird weiteres Entertainment aus der BER-Klasse bieten, aber vermutlich keine gute Lösung.“ Für den gedanken- und haltungslosen Opportunismus, wie er sich an der Mate-Tee versus Eigentumswohnung – Diskussion zeige, hat Hajo Schumacher der Berliner Morgenpost wenig übrig. Mehr Inhalte, weniger Farce, bitte!

 

nozDie Pläne des Investors hätten lange auf dem Tisch gelegen, diese nun umzusetzen sei sein gutes Recht – zum Schaden Wowereits, dem hier nicht einmal ein kleiner Kompromiss gelänge, so Beate Tenfelde für die Neue Osnabrücker Zeitung. „Guten Morgen, Herr Bürgermeister! Zu spät.“ Zu spät für ihn, für die Demonstranten und für einen würdigen Ausgang der Geschichte.

Bild: Wikimedia Commons