Aktuell

8. June 2015 - von Pia Frey

Bye Bye Blatter

War es Einsicht, die den Fifa-Präsidenten zum Rücktritt bewogen hat oder der Druck?

Fakten

  • Knapp hundert Stunden nach seiner fünften Amtszeit hat Fifa-Präsident Sepp Blatter seinen Rücktritt verkündet
  • Seit der letzten Woche ermitteln amerikanische Behörden wegen Korruptionsverdachts gegen den Fußball-Verband, Funktionäre wurden festgenommen
  • Amerikanische Medien berichten, dass nun auch gegen Blatter selbst ein Ermittlungsverfahren eingeleitet wurde

 

“Die bessere Zukunft – sie ist mit Blatters Rücktritt noch lange nicht gewonnen”, kommentiert Evi Simeoini für die “Frankfurter Allgemeine”. Angesichts der zweifelhaften Figuren der Fifa würde es schwierig werden, jemand zu finden, der sich in Dienst der Sache stellt und nicht dem Eigenennutz fröhne. Die amerikanischen Ermittler müssten nun gründlich arbeiten und weitere Drahtzieher ans Licht bringen. Schließlich haben sie auch Blatter zum Rücktritt gebracht, der nicht aus Selbstheilungskräften zurück getreten sei.

“Zweifellos geschah dieser plötzliche Abgang alles andere als freiwillig”, spekuliert Raik Hannemann von der “Hamburger Morgenpost”. Den US-Geheimbehörden gehöre Dank, weil sie Blatter zum Rücktritt gezwungen hätten – zu erdrückend seien die Beweise gegen die Fifa geworden, auch gegen Blatter selbst werde ermittelt. Es müsse nun ein klarer Strich gezogen werden, die Vergangenheit aufgearbeitet. Der Rücktritt sei eine Chance, die maximal genutzt werden müsse.

“Blatter ist weg – doch die Probleme bei der Fifa bleiben”, kommentiert Paul-Nikolas Hinz auf “Focus Online”. Die nächsten Tage würden zeigen, wie reformfähig die Fifa sei und ob Blatter auch “Dreck am Stecken” habe. Denn nach Medienberichten ermittle das FBI gegen Blatter selbst. So trete er nicht aus Amtsmüdigkeit zurück, sondern weil sich die Schlinge um ihn immer enger gezogen hätte.

“Am besten wäre es, an die Stelle der Fifa träte ein möglichst börsennotiertes Unternehmen, das den Weltfußball organisiert”, meint Oliver Stock vom “Handelsblatt”. Unter Blatter habe sich die Fifa zu einem globalen Konzern entwickelt, genieße aber die Vorteile eines Vereins: Keine Steuern, kein Aufsichtsrat. Blatters Rücktritt biete nun die Chance, dass der Verband seine Größe selbst erkenne.

“Blatter hinterlässt einen Verband, der besser dasteht als sein ruinierter Ruf das ahnen lässt”, schreibt Karheinz Wagner vom “Kölner Stadt-Anzeiger”. Unter Blatt habe die Fifa sich “zu einer Art zweiten UN” entwickelt, die jedem Verein Mitsprache-Recht eingeräumt habe. Blatter habe der Fifa mit seinem Rücktritt den richtigen Dienst erwiesen, denn er selbst sei nicht der Richtige, um die Mißstände zu heilen. Doch hinterlasse er eine funktionsfähige Organisation.

“Verfehlungen konnten ihm bisher nicht nachgewiesen werden, auch für Blatter gilt die Unschuldsvermutung”, erklärt Herbert Schmoll von der “Augsburger Allgemeinen”. Sein Rücktritt sei eine kluge Entscheidung, ob er damit seinen Kopf selbst aus der Schlinge ziehen wolle oder nicht. Es sei unfair, Blatter für alle Verfehlungen im Fußball verantwortlich machen zu wollen.
“Die Fifa hat jetzt die Chance, nach Blatter das ganze Blatt zu wenden”, kommentiert Torsten Krauel für “Die Welt”. Mit dem Ende der Ära Blatter ende “eine Zeit des Größenwahns”, die Sport zu einem Milliongeschäft gemacht habe. Es benötige einen Herkules, um nun Worten Taten folgen zu lassen. Doch anstelle der Personalie solle der Wille der Sportverbände im Vordergrund stehen, zu den Wurzeln des Sportes zurückzukehren.

“Wer auf ernsthafte Reformen im Fußball-Weltverband hofft, kann nun ein bisschen optimistischer sein“, meint Christian Goedecke hier auf SPIEGEL ONLINE. Um ihre Gaubwürdigkeit wiederzuerlangen, müsse die Fifa sich so radikal wie möglich verändern. Denn Blatters Rücktritt alleine reicht nicht, um die tiefen Probleme des Verbandes zu lösen. Was den Präsidenten letztendlich zum Rücktritt bewogen habe, sei unwichtig – es gehe vielmehr um die symbolische Kraft des Rücktritts.