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6. March 2015 - von Bernhard Clemm

Herz aus Stein

Sieger Andreas Kümmert sorgt beim ESC-Vorentscheid für einen Eklat

Fakten

  • Beim gestrigen ESC-Vorentscheid trug Andreas Kümmert mit seinem Stück “Heart of Stone” den Sieg davon, machte jedoch überraschend deinen Rückzieher: Er sei momentan nicht in der Verfassung, die Wahl anzunehmen.
  • Er übertrug seinen Titel kurzerhand an die zweitplatzierte Ann Sophie, was von der Moderatorin Barbara Schöneberger unterstützt wurde.

“Entspannt euch, es ist nur der ESC”, fordert Annika Rinsche von der “WAZ” in Reaktion auf die Empörung. Anstatt jetzt sofort loszustänkern, sollten wir alle erstmal durchatmen. Es sei mutig, eine Herausforderung anzunehmen, aber ebenso mutig, die eigene Überforderung einzugestehen. Augenscheinlich sei der Sänger in großer Sorge um sich und seine Gesundheit gewesen, und vielleicht auch darum, ob er Deutschland angemessen vertreten könne. Eine unpopuäre Entscheidung, die man aber respektieren müsse. Schließlich sei es nur der ESC, nicht mehr und nicht weniger.

“Eigentlich muss man dem Sänger Andreas Kümmert gleich doppelt dankbar sein”, findet Carin Pawlak auf “Focus Online”. Er habe nicht nur die mit Abstand beste Leistung gezeigt, sondern auch die pseudopompöse Sendung mit einem Eklat entlarvt. Die ARD müsse sich jetzt einige Fragen gefallen lassen. Wie könne es sein, dass der vom Publikum gewählte Sieger so einfach seinen Titel zurückgeben kann, und zudem die Zweitplatzierte zur Gewinnerin ausrufen kann? Fazit: Eine peinliche Sendung mit peinlichem Schluss.

“Andreas Kümmert mimt den Spielverderber – und macht den ESC-Vorentscheid zur Farce”, kommentiert Volker Probst von “ntv”. Moderatorin Schöneberger habe den Abend weitgehend toll moderiert, aber am Schluss verheerend schlecht pariert. Anstatt die Situation offen zu lassen, habe sie die überforderte Ann Sophie gekürt. Diese werde nun mit der Bürde des geschenkten Sieges nach Wien reisen. Andreas Kümmert jetzt als “ehrlichen” Verweigerer zu feiern, sei ebenso Humbug. Denn er hätte auch gleich zu Hause bleiben können.

“Wer beim ESC-Vorentscheid antritt und gewinnt, sollte den Sieg nicht wegwerfen”, schreibt Thorsten Keller für die “Berliner Zeitung”. Wer beim ESC antrete, stelle sich einem Wettbewerb und damit seine Musik zur Wahl. Das Publikum erwarte zu Recht, dass der Künstler diese Kandidatur dann auch ernsthaft verfolgt und nicht „April, April“ sagt, wenn er gewonnen hat. Das Verhalten von Kümmert sei eine Verhöhnung der Fans, die für ihn abgestimmt haben, und unkollegial gegenüber den Mitbewerbern.

Auch wenn er als eigenwillig, ungewöhnlich und unprätentiösal gelte: “Kümmerts Entscheidung ist nur eins: unverständlich!”, so die klare Bewertung von Jasmin Buck auf “RP Online”. Vielleicht habe der Shootingstar, der seit einigen Monaten im Rampenlicht steht, ja an mehr als an einer Grippe gelitten. Dann wäre es aber der Fairness zuliebe seine Plicht gewesen, noch vor der Show die Reißleine ziehen müssen. Es bleibe die Erkenntnis, dass so ein Fernsehabend in der ARD tatsächlich spannend sein kann.

“Dem Rollenmodell des Mannes in der Krise verschafft seine Verweigerung gesellschaftliche Akzeptanz”, urteilt Stefan Kuzmany hier auf SPIEGEL ONLINE. Auch wenn sein Verhalten reichlich bizarr gewirkt habe – Kümmert habe Rolle des Zweiflers vom Verlierer zum Sieger umdefiniert. Schaden werde ihm der Eklat nicht. Kümmert sei auf einen Schlag in aller Munde, und man werde ihn so schnell nicht mehr vergessen: Als den grandiosen Sänger, der nicht gewinnen wollte.

“Er kann nicht bleiben, was er sein will”, schreibt Stefan Niggemeier für die “Frankfurter Allgemeine” über das Phänomen Kümmert. Dessen Satz, er sei doch nur “ein kleiner Sänger” sei der Schlüssel zur Erklärung von Kümmerts Widersprüchlichkeit. Dem Sänger würden die Sympathien zufliegen, weil er eben ein kleiner Sänger ist. Aber die großen Bühnen, auf denen er wegen dieser Sympathien stehe, mache es ihm unmöglich, dieser zu bleiben. Letztlich sei der ESC ein “unwahrscheinlicher Ort” für eine solche Musik.