Aktuell

30. March 2015 - von Pia Frey

Ein Recht auf Anonymität?

Die Medien diskutieren den Umgang mit Namen und Fotos des Germanwings-Piloten

Fakten

“Die Opfer und die Öffentlichkeit haben ein Recht darauf zu erfahren, wer das Unglück ausgelöst hat”, argumentiert Matthias Müller von Blumencron, Online-Chef der “Frankfurter Allgemeinen”. Andreas Lubitz sei der Mann, der 149 Menschen und sich selbst in den Tod gerissen hat. Das er die Katastrophe verursacht habe, stehe laut den Ermittlern fest. Im Zentrum der Erklärung stehe nun ein Mensch, genauer seine möglicherweise irregeleitete Psyche. Man müsse sich mit der Person des Kopiloten beschäftigen, ihn auch ansehen. Deswegen zeige “faz.net” auch sein Foto.

Den Kopiloten namentlich zu identifizieren und Fotos von ihm zu zeigen, halten Kai Dieckmann und Julian Reichelt von der “Bild” für “völlig selbstverständlich und absolut zwingend”. Man habe es hier mit einem Mann aus der Mitte unserer Gesellschaft zu tun, der als bisher größter deutscher Verbrecher des (jungen) 21. Jahrhunderts in die Geschichte eingehen werde. Zu wissen, welcher Mensch die Tat begangen habe, sei essentiell für die historische und emotionale Aufarbeitung. Als Person der Zeitgeschichte müsse Andreas Lubitz auch im Tod mit seinem Namen und seinem Gesicht für seine Tat stehen.

“Wir haben gestern entschieden, weder den vollen Namen des Co-Piloten zu nennen noch sein Gesicht unverpixelt zu zeigen”, schreibt Jan-Eric Peters, Chefredakteur der “Welt”. Auch wenn diese Entscheidung vielleicht ein bisschen altmodisch erscheine und  andere Medien anders verfahren sind, sei er davon überzeugt. Der Auffassung, dass eine gewisse Vorsicht bei der Einordnung, Einschätzung und Wiedergabe von hochaktuellen Ereignissen geboten sei, könne er nur zustimmen.

“Wer den Namen Andreas Lubitz nicht nennen will, sollte überlegen, seinen Presseausweis zurückzugeben”, fordert Stefan Winterbauer des Branchendienstes “Meedia”. Den Namen des Verursachers eines solchen Unheils zu nennen, sei etwas anderes als die Namen der Opfer zu nennen. Ohne den Täter gebe es die Tragödie nicht. Natürlich wolle die Öffentlichkeit wissen, wer er sei, wie er aussehe, was er vorher getan habe, welche Krankheiten er womöglich gehabt habe. Diese Informationen bekomme das interessierte Publikum ohnehin.

“Nach intensiven Diskussionen haben wir uns entschlossen, den Namen des Co-Piloten nun auch zu nennen – und Bilder von ihm kenntlich zu machen”, schreibt Chefredakteur Thomas Rebbe auf “web.de”. Zwar sei nach wie vor nicht 100-prozentig sicher, dass sich der Absturz genau so abgespielt hat, man müsse nach der aktuellen Faktenlage aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgehen. Das öffentliche Interesse am Täter überwiege somit das nach wie vor unstrittige Persönlichkeitsrecht der Hinterbliebenen.

“Er führte diese Katastrophe herbei, aus welchen Gründen auch immer er handelte”, rechtfertigt “Spiegel Online” seine Entscheidung, den Namen von Andreas Lubitz voll auszuschreiben. Laut Pressekodex müsse für eine identifizierende Berichterstattung “eine außergewöhnlich schwere oder in ihrer Art und Dimension besonders schwere Straftat vorliegen”. Diese Voraussetzung sehe man erfüllt, Lubitz sei eine Person der Zeitgeschichte.