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7. October 2014 - von Warin Jaeger

Dr. (ehrenrührig) Kohl?

Das unfreiwillige Vermächtnis des Altkanzlers

Fakten

  • In den Jahren 2001/2002 führte der Journalist Heribert Schwan zahlreiche Gespräche mit Helmut Kohl, um an den Memoiren des Altkanzlers zu arbeiten. Dabei entstanden etwa 600 Stunden Tonbandaufnahmen.
  • Im Jahr 2009 kam es zum Bruch zwischen Kohl und Schwan. Die Tonbänder mussten an Kohl zurück gegeben werden. Kohl äußert sich darin der über ehemaligen Parteifreunde und politische Gegner.
  • Mit Co-Autor Tilman Jens will Heribert Schwan Teile der Gesprächsinhalte in einem Buch (“Vermächtnis. Die Kohl-Protokolle”) veröffentlichen.

Der Glanz als Kanzler der Einheit und als großer Europäer sei nur die eine Seite Helmut Kohls – die andere Seite gehöre dem Machtmenschen Kohl: schroff und unbeugsam in seiner Art, kommentieren die “Westfälischen Nachrichten”. Er habe sich zwar immer schützend vor seine Freunde gestellt, seine Gegner hätten ihn aber fürchten müssen. Was in den Abschriften der Gesprächsmitschnitte auftauche, sei “zum Teil ehrverletzend”.

Süddeutsche Zeitung, Kurt Kister

Das Buch berge nur wenig Neues und die Angelegenheit sei vielmehr eine kleine Tragödie, meint Kurt Kister auf “Süddeutsche.de”. Seine Art mit seinen Gegnern umzugehen, habe die Kritik nur noch verschärft. Kohl habe zwar viele verletzt, “trotz alledem gebührt ihm mehr Respekt”. In den Gesprächen hätte Kohl mit vielen abgerechnet – und Schwan selbst habe mit Kohl durch die Veröffentlichung des Buches abgerechnet.

Deutschlandfunk, Stephan Detjen

Was Helmut Kohl über Weizsäcker, Blüm oder Thierse dachte, sei längst bekannt, analysiert Stephan Detjen im “Deutschlandfunk”. Schwan nutze nun die Abschriften der Tonbandaufzeichnungen, “um sich in einer dubiosen Selbstüberhöhung zum Gralshüter des Kohlschen Vermächtnisses aufzuschwingen”. Was bleibe, sei lediglich das Vergnügen an einer deftigen Wortwahl, die aber nirgends über das Ziel hinausschieße.

Neue Osnabrücker Zeitung, Dr. Christof Haverkamp

Nachdem Schwan die Tonbänder zurück geben musste, habe er sich tief verletzt zur Veröffentlichung seiner Mitschriften entschlossen, schreibt Dr. Christoph Haverkamp in der “Neuen Osnabrücker Zeitung”. Kohls Äußerungen würden sein Bild zwar abrunden, aber sie schmälerten nicht seine Verdienste um die deutsche Einheit und Europa. “Beide Männer rutschten ab in schlechten Stil”.

Bonner General-Anzeiger Markus Grabitz

Helmut Kohl und seine Frau hätten viel unternommen, um die Gespräche geheim zu halten. “Es wäre schade gewesen, wenn sie damit Erfolg gehabt hätten”, findet Markus Grabitz im “Bonner General-Anzeiger”. Die Mitschnitte seien deswegen interessant, weil sie ein bezeichnendes Licht auf einen tief verletzten Politiker-Patriarchen werfen, der unter dem Eindruck gestanden habe, von seinen eigenen Leuten abgrundtiefes Unrecht zugefügt bekommen zu haben. Mit seinen Kritikern hätte Kohl heftig ins Gericht gehen können.

Deutsche Welle, Volker Wagener

“Helmut hautnah und direkt”, schreibt Volker Wagner über die Mitschnitte der Gespräche aus den Jahren 2001/2002 für die “Deutsche Welle”. Die volkstümliche Umgangssprache ließen den einstigen großen Staatsmann privat und ungefiltert daherkommen. Helmut Kohl wäre zu diesem Zeitpunkt tief gefallen, was ihn vielleicht zu seinen Äußerungen verleitet habe, aber so rede niemand öffentlich. Der Altkanzler habe mächtig ausgeteilt und die CDU vorgeführt wie bei einem Familien-Scherbengericht.