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12. June 2013 - von Pia Frey

„Liebe Dozentinnen“: Das generische Femininum an der Uni Leipzig

Fakten

DIE FAKTEN

  • „Liebe Dozentinnen, liebe Professorinnen,“ wird es bald in Ansprachen an der Universität Leipzig heißen. Dort hat der Senat gerade die Nutzung des generischen Femininums beschlossen: Ab dem Wintersemester soll die weibliche Form auch die männliche mit einschließen, und nicht mehr wie üblich anders herum. Der Grund: An der Uni Leipzig sind die Frauen in der Überzahl.
  • Der Vorschlag kam von einem Mann, dem Physikprofessor Josef Käs, der über die Entscheidung des Senats überrascht ist. Seinen Vorschlag möchte er eher als spontan und pragmatisch, denn als politisch verstanden wissen.
  • Die Entscheidung der Universität Leipzig stößt auf Lob, aber auch auf scharfe Kritik. In den Medien ist eine rege Debatte darüber entbrannt, ob das Modell Nachahmer finden sollte und wie Geschlechtergerechtigkeit heutzutage zu denken ist.

DER MEINUNGSKOMPASS

DIE LEIPZIGER ENTSCHEIDUNG

© Pressekompass 2013

DER SCHLAGABTAUSCH

Was ist von dem Leipziger Novum zu halten?

spiegelRichtig und notwendig!, sagt die Ökonomin Dr. Friederike Maier Spiegel Online. Die Leipziger Entscheidung ist schlichtweg Notwehr. Ständig werden Frauen nur belächelt, wenn sie kundtun, dass sie sich durch die gängige, männliche Form ausgegrenzt fühlen. Endlich sind es nun einmal die Männer, die sich aufregen. Vielleicht führt das zu einer Diskussion und schließlich zu einem gerechteren Miteinander.

stuttgarterzeitungEine „Schnapsidee“ nennt dagegen die Stuttgarter Zeitung die Entscheidung der Universität Leipzig. Was soll denn das „weiblich gefärbte Einerlei“ zu einer gerechteren Welt beitragen? Dahinter stecken doch bloß „weibliche Fanatiker“, die sprachlich den Tod des Mannes herbeireden wollen. Klar, das antiquierte “Meine Herren”, mit dem früher auch gemischtes Publikum angeredet wurde war auch nicht. Aber der „Genderwahn“ darf nicht der Umkehrschluss sein!

maedchenmannschaftInitiativen wie an der Leipziger Uni sind tatsächlich nicht konstruktiv, findet das feministische Blog Maedchenmannschaft . Allenfalls kann das Novum eine wichtige Debatte auslösen, ein Allheilmittel gegen Geschlechterungerechtigkeit ist die Regelung nicht. Einen kreativen Umgang mit Sprache braucht es, nicht den zwanghaften Gebrauch der ausschließlich männlichen oder weiblichen Form.

Was lässt sich für mehr Gleichberechtigung tun?

ButtonCICERODer Vorstoß der “Begriffsverbieger” von der Uni Leipzig geht jedenfalls in die falsche Richtung, findet Cicero. Unter dem Deckmantel des Fortschritts kommt in der Leipziger Entscheidung ein „radikalfeministisches Herrschaftsinstrument zum Austrieb des Männlichen“ zum Tragen. Mit Gleichstellung hat das nichts mehr zu tun, hier geht es um Machtausübung und Männerfeindlichkeit.

TheEuropeanZustimmung von The European: Jegliche Debatten um Frauenquoten werden einfach mit einer sprachlichen Hundertprozent-Quote weggebügelt? So einfach ist das nicht. Man weiß gar nicht, ob man die Leipziger Entscheidung belachen oder beweinen soll. Jedenfalls wird sie den weltweiten Ruf der Deutschen als seltsames Volk bestärken.

freieweltDie Freie Welt holt noch weiter aus: Geschlechtergerechte Sprache ist „eine Missgeburt aus rein ideologischer und machtpolitischer Absicht“ und Teil des Gender-Mainstreamings der “Brüsseler Bürokratenherrschaft”. Ideologie vor Wissenschaft an deutschen Unis? So soll die Zukunft nicht aussehen!

tagesspiegelDer ganzen Empörung versucht der Linguist Horst Simon im Tagesspiegel etwas Humor entgegenzusetzen: Was wir brauchen ist ein unverkrampfter, spielerischer Umgang mit dem Thema. Wenn es darum geht, Frauen in Gesellschaft und Sprache sichtbarer zu machen, klingt das nun mal am Anfang ungewohnt und komisch. Selbst wenn dafür ein paar grammatikalische Normen auf den Kopf gestellt werden – na und? Regelungen wie die der Universität Leipzig setzen einen „sprachlichen Stolperstein“, der zum Nachdenken anregt und so am Ende tatsächlich ein Bewusstsein für bestehende gesellschaftliche Ungerechtigkeiten entstehen lassen könnte.

 

Bild: cosmogriller