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22. February 2015 - von Pia Frey

White, whiter, Oscars?

Die diesjährigen Academy Awards stehen in der Kritik

Fakten

  • Die diesjährigen Oscars gelten als “weißeste” Verleihungen seit 1998, weil seitdem nicht mehr so wenige ethno-kulturelle Minderheiten für die Auszeichnungen nominiert waren.
  • Die Kontroverse hatte sich am Film «Selma» über den Bürgerrechtsaktivisten Martin Luther King entzündet. Der Film hat «nur» zwei Nominationen erhalten, und seine schwarze Regisseurin Ava DuVernay ging leer aus.
  • Der Hastag #OscarsSoWhite ist inzwischen zum Twitter-Trend geworden.

“Die Kritik an den ‘weißen’ Oscars ist armselig”, findet Rainer Haubrich in der “Welt” und fragt sich, ob jetzt jeder Wettbewerb zuerst danach beurteilt, welche Bevölkerungsgruppen wie zum Zuge kommen. Verstehen ließe sich die Aufregung nur, wenn die Jury mit den Nominierungen eklatant daneben gelegen hätte. Aber die könne eben nur über das entscheiden, was die internationale Filmproduktion im vergangenen Jahr hervorgebracht habe. Und schon da seien nicht alle Quotenträume in Erfüllung gegangen. Vielmehr seien die Nominierungen und Nicht-Nominierungen durchaus gerechtfertigt.

“Der Oscar ist ein Spießer-Preis”, schreibt Markus Keuschnigg auf “diepresse.com” aus Österreich. Bei der überalterten und kaum diversifizerten Jury könne man nachzuvollziehen, weshalb gediegene Historienepen und anständig aufbereitete Dramen bessere Chancen haben als kontroverse und provokante Filme. Ernst nehmen sollee man die Oscar-Verleihung aber sowieso nicht, jedenfalls nicht hinsichtlich der künstlerischen Wertigkeit der nominierten Produktionen.Vielmehr hätten vor allem die Filme Erfolgsaussicht, deren Produzenten die PR-Maschine am Besten im Griff hätten.

“Besonders trefflich schreien lässt es sich dann, wenn im Hintergrund der Verdacht der Diskriminierung flirrt”, kommentiert Peter Winkler für die “Neue Zürcher Zeitung”. Der Vorwurf gegenüber der Jury aus überwiegend weißen, alten Männern sei ungerechtfertigt, denn die habe in den vergangenen drei Jahren mit “12 Years a Slave”, “Help” und “Django Uunchained” immer wieder Filme über die schwarzamerikanische Geschichte geehrt. Bis eine ausgewogenere Zusammensetzung der Jury Realität werden könnte, werde es noch dauern. Deswegen solle die Academy lieber Filmtalente in den Minderheiten fördern.

“The film academy? Far from perfect. The Oscars? Irresistible”, meint Kenneth Turan in der “LA Times”. Auch wenn er die traditionell einseitige Zusammensetzung der Academy kenne und wisse, dass die Oscars nicht der absolute Standard für Qualität seien, sei seine Leidenschaft für die Verleihung ungetrübt. Denn die Oscars hätten eine einzigartige Geschichte, in der sie immer etwas bedeutet hätten. Und das nicht nur in den USA, sondern für ein weltweites Publikum. Alle Academy-Mitglieder, die er kenne, würden außerdem ihre Arbeit sehr ernstnehmen – auch das unterscheide sie von anderen Preisen.

“Hollywood needs diversity, as evident by ‘white’ Oscar nominations”, urteilt Will Gibs für “The Post”. 94 Prozent der Jury-Mitglieder seien weit – das könne man in Zeiten der größten Rassenunruhen seit den 1960ern nur als Enttäuschung bezeichnen. Das Problem liege aber nicht unbedingt nur bei den Jury-Mitgliedern. Hollywood als ganzes produziere nicht so viele “schwarze” wie “weiße” Filme. Letzlich sei es auch Aufgabe der Zuschauer, sich mehr für die Diversität zu interessieren, die das Kino biete.

“Someone please disrupt the Oscars”, fordert Malcom Harris für “Al-Jazeera America”. Die Oscars hätten den Anspruch, den Gipfel des pop-kulturellen Schaffens zu repräsentieren, seien aber in Wahrheit zu weit wie nie zuvor von der Mainstream-Meinung entfernt. Auch wenn die Verleihungen auf schmerzhafte Weise falsch liegen, müsse man jetzt nicht zum Boykott aufrufen. Vielmehr sei es an der Zeit, dass eine der neuen Social Media- oder Content-Plattformen wie Twitter, BuzzFeed oder Snapchat einen alternativen Preis auszurufen. Das könne auch den nötigen Druck auf die Academy erzeugen, von ihrer weißen Insularität herunterzukommen.