Aktuell

13. November 2014 - von Alexandra Martini

Mein Arzt und der Giftbecher

Sollen Ärzte Beihilfe zum Suizid leisten dürfen?

Fakten

  • Der Bundestag diskutiert heute in einer Orientierungsdebatte über Sterbebegleitung und Sterbehilfe und will damit eine breite öffentliche Debatte anstoßen.
  • Inzwischen liegen fünf Positionspapiere von fünf fraktionsübergreifenden Parlamentariergruppen vor, die sich bis auf eines alle gegen Sterbehilfevereine aussprechen.
  • Der wesentliche Teil der Diskussion konzentriert sich darauf, ob es Ärzten erlaubt sein soll, Beihilfe zum Suizid von irreversiblen Kranken zu leisten.

“Die Deutschen wollen ihr Leben im Griff haben – und ihren Tod”, schreibt Julia Emmrich für die “WAZ”.  Der Wunsch nach Selbstbestimmung und seriösen Anlaufstellen für Sterbehilfe sei bei vielen Menschen da. Dem Versprechen auf eine gute Palliativ-Versorgung würden hingegen viele  misstrauen. Die Politik solle all das ernst nehmen. Sie müsse Antworten finden auf die Frage nach der Selbstbestimmung und die Angst vor Fremdbestimmung am Lebensende. Mit ein paar neuen Verboten sei es nicht getan.

“Es gibt in dieser Debatte keinen Anspruch auf absolute Wahrheit”, kommentiert Martin Klingst für “Zeit Online”. Die Gesetzeslage sei verworren, Beihilfe zum Suizid sei normalen Bürgern erlaubt, den Ärzten jedoch verboten. Grundsätzlich sei ein “pflegerisches Existenzminimum” wichtig, um Menschen ein Altern in Würde zuzusichern. Und Schwerkranken sollte zunächst weiteres Leben und Schmerzlinderung ermöglicht werden. Doch es sei vielleicht auch Teil der Menschenwürde, wenn todkranke Menschen unter ärztlicher Hilfe ihr Ende selbst bestimmen könnten.

“Schon jetzt zählen der Verlust der Autonomie und die Angst vor Belastung der Angehörigen zu den Hauptgründen für Suizid”, kommentiert Helene Bubrowski für die Frankfurter Allgemeine. Die Kampagne um den Freitod der 29-Jährigen Brittany Maynard sende dabei ein fatales Signal: Anstatt Hilfe zum Leben anzubieten werde propagiert, sich für den Tod zu entscheiden. Ein Leben in Abhängigkeit werde leichtfertig als “würdelos” dargestellt. Jedoch könne man die Menschenwürde nicht leichtfertig auf das Prinzip der Selbstbestimmung reduzieren.

Legalisierung von ärztlicher Beihilfe mit gleichzeitigem Verbot von ziviler und kommerzieller Sterbehilfe sei eine “akzeptable Lösung”, kommentiert Christian Rath auf taz.de. Denn Sterbehilfe müsse so oder so liberalisiert werden, davon zeuge allein der  Sterbetourismus in die Schweiz. Sterbehilfe als Erlösung von Leiden sei ein legitimer Wunsch. Wer Menschen dies verweigere, mache sie zu bloßen Objekten der eigenen Moral oder Religion.

 “Wir brauchen Lebenshilfe statt Sterbehilfe”, fordert der ALS-kranke Benedict Maria Mülder im Tagesspiegel, und fragt, ob  unsere Gesellschaft schon so geschwächt und überfordert sei, dass Alte und Kranke nur noch als Belastung angesehen werden. Von Beginn seines Lebens an sei der Mensch in einem sozialen Geflecht eingebunden. Die Frage sei, ob wir genug tun würden, um dieses zu erhalten. Die Parole von der Selbstbestimmung am Ende des Lebens kaschiere häufig nur einen Zustand individualisierter Beziehungslosigkeit.

“Gemeinnützige Sterbehilfevereine sollten in Deutschland erlaubt sein”, schreibt Grünen-Abgeordnete Renate Künast in einem Gastbeitrag für den Tagesspiegel. Nötig seien beim Thema Sterbehilfe mehr Fürsorge und Beratung, nicht mehr Strafrecht. Natürlich sei eine Ausdehnung der Palliativmedizin und mehr Hospize ein wichtiger Schritt. Aber wir hätten nicht das Recht von jemandem zu verlangen, einen qualvollen Weg bis zum bitteren Ende zu durchleiden. Das Ergebnis eines Verbots sei ohnehin nicht die Vermeidung von Selbsttötungen, sondern die Reise ins Ausland.

“Ein Ja zur assistierten Sterbehilfe wäre ein verheerendes Signal”, meint Fabian Schmidt für die Deutsche Welle. Niemand könne einen entschlossenen und körperlich dazu fähigen Menschen daran hindern, sich das Leben zu nehmen. Aber es dürfe niemals die Aufgabe von Ärzten werden, sich daran zu beteiligen, denn deren Aufgabe sei es, Leben und Gesundheit zu bewahren. Es frage sich, wie frei ein todkranker Mensch eine solche Entscheidung fällen könne, angesichts des gesellschaftlichen Drucks, niemandem zur Last zu fallen.