Aktuell

17. June 2015 - von Christina Scholten

Das Urteil im Fall Tuğçe.

Ist es angemessen oder zu hart?

Fakten

  • Im Fall Tuğçe wurde das Urteil gesprochen: Der Angeklagte Sanel M. wurde zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt
  • Das Darmstädter Landgericht sprach ihn der Körperverletzung mit Todesfolge für schuldig
  • Während des Prozesses wurde vermehrt die Kritik laut, der Täter sei durch die Medien vorverurteilt worden
  • Tuğçe erlag den Folges eines flachen Schlags mit der Flachen Hand, ausgehend von Sanel M., während eines Streites im November letzten Jahres – sie hatte vorher zwei junge Mädchen vor Belästigungen des 18-Jährigen geschützt

 

 

“Er sollte sich eine neue Identität zulegen”, rät Alfons Kaiser von der “Frankfurter Allgemeinen” zum weiteren Lebensverlauf von Sanel M. Die Nase sei ihm schon gebrochen worden, nach seiner Haft sei er auch in Offenbach nicht sicher. Empörung und Mitleid hätten die Menschen für eine Vor-Verurteilung des Geschehens geleitet, doch dies sein ein falscher Weg. Das nun gefällte Urteil stelle deshalb nun “Fragen an uns alle”.

“Das Gericht hat sich vom enormen Druck allein dahingehend beeinflussen lassen, dass es jeden nur erdenklichen Zeugen vorlud und schonungslos befragte”, schreibt Arne Bensiek auf “Zeit Online”. Es sei ein überraschend hartes Urteil, das sicherlich mit der kriminellen Vergangenheit Sanel M.s zusammenhinge. Doch das härteste Urteil sei für ihn ohnehin schon vor Prozessbeginn gefallen.

“Respektvoll ist das Urteil im Tugce-Prozess für beide Seiten”, meint Ludger Fittkau vom “Deutschlandfunk”. Das Gericht habe Sanel M. geglaubt, dass er Tugce nicht tot schlagen wollte. Für den Schläger seien die drei Jahre Haft nun eine Chance, sein “bisher ziemlich missglücktes Leben” zu ordnen. Für die Familie von Tugce möge das Urteil zwar zu wenig sein, jedoch würde sie wegen ihrer Zivilcourage nicht vergessen werden.

“Es ist das Verdienst des Gerichts, jene Grautöne herausgearbeitet zu haben, die oft übersehen werden”, kommentiert Simon Rilling von den “Stuttgarter Nachrichten”. Das Urteil sei angemessen. Denn es sei zu einfach, Tugce zur Martyrerin zu erheben und Sanel M. zum brutalen Schläger – so wie es viele “selbsternannte Scharfrichter” in den letzten Monaten getan hätten. Durch diese öffentliche Wut sei eine Resozialisierung für den Jugendlichen in Deutschland nicht mehr möglich.

 

 

“Abgeurteilt war Sanel M. lange bevor überhaupt feststand, wann und wer über ihn den Richterspruch fällen würde”, erklärt Julia Jüttner hier auf SPIEGEL ONLINE. Die öffentliche Vorverurteilung, die unverpixelten Fotos – das alles mache es Sanel M. nach seiner Haft unmöglich, ein normales Leben zu führen. Er sei für den Rest seines Lebens gebrandmarkt. Das Gericht habe sich fair gegeben, auch wenn das Urteil hart sei.

“Sanel M. hat eine Chance. Tugce Albayrak hatte sie nach seinem Schlag nicht mehr”, schreibt Uwe Schmitt von der “Welt”. Das Urteil sei angemessen, da Sanel M. sich von der Gewalt habe leiten lassen – und das nicht zum ersten Mal in seinem Leben. Er könne nun beweisen, dass er sich ändern könne. Die Medienkritik, die eine Vorverurteilung mit sich brachte, sei hingegen unangemessen – es sei die Pflicht der Medien, Vermutungen anzustellen. Das Gericht sei hingegen in der Pflicht, abzuwägen und zu beurteilen.